Sonntag, 14. Oktober 2018
Abgründe.
Mein Leben entgleitet mir. Völlig. Gestern auf einer Vernissage angestoßen, Sekt getrunken, den Wodka der Gastgeberin geleert, mit der Begleitung auf der Rückfahrt beim Umsteigen das erste Bier, abends am Hauptbahnhof angekommen, gesagt: Los, wir holen uns noch eines., aus dem einen Bier wurden fünf, und irgendwann, während wir an irgendeinem See liegen, sehe ich meine Begleitung an, diesen feingliedrigen jungen Typ aus guter Familie, und obwohl ich ihn als letzten Mann auf dieser Welt flachlegen würde, muss ich mich plötzlich zusammenreißen, ihn nicht anzumachen. Auf der Heimfahrt sitze ich in der Bahn und gebe das gleiche Bild ab wie so oft in letzter Zeit. Den Kopf in die Hände gestützt, der Magen so kaputt wie der Kopf, frage ich mich, was zur Hölle aus mir noch werden soll.



Freitag, 12. Oktober 2018
Doppelte Schwäche.
Keine Schwäche zeigen, niemals. Ich bin überfordert von der Arbeitsmenge, aber natürlich liefere ich auch spontan ein ausgewogenes Konzept. Keine Schwäche zeigen, niemals, nicht dass jemand noch merken könnte, dass auch ich Gefühle habe und keine unendlichen Kraftreserven. Vor allem jetzt, wo ich dauernd an dich denken muss, weil du mich infiziert hast, wie ein bösartiges Virus. Ich hasse es, dass er immer noch bei mir wohnt, während ich an dich denke, und ich hasse es, dass du vermutlich genauso asozial wärst wie er und genauso wenig über meine Bedürfnisse, meine Schutzbedürftigkeit nachdenken würdest wie er.
Ich bräuchte vermutlich einfach mal einen netten Mann. Einen, der sich wirklich und ernsthaft für mich interessiert. Aber in so jemanden könnte ich mich wahrscheinlich nicht verlieben.



Donnerstag, 11. Oktober 2018
Unknown.
Ich bin völlig erschöpft. Zu viel Schlafmangel, zu viel Arbeit, zu viele Schmerzmittel, die die Kopfschmerzen übertünchen sollen. Zu viel Denken, vor allem zu viel Denken an dich und daran, was das nun alles war und was es sollte und was es bedeutet oder ob es überhaupt etwas bedeutet. Ich weiß es nicht. Ich bin auch zu müde und zu kaputt, um darüber nachzudenken. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die ganze Zeit daran denke, daran und an dich.



Dienstag, 9. Oktober 2018
Versprechen.
Ich denke an dich, mit einer Mischung aus Abwehr, Sehnsucht und Irritation. Bist du nur eine Projektionsfläche mit deiner glatten Art? Mein Kopf sagt, ja. Mein Kopf sagt, es ist alles Schwachsinn, du bist gar nicht mein Typ, weder charakterlich, und schon gar nicht körperlich. Du bist viel zu dünn, viel zu schlaksig, viel zu glatt. Mein Kopf sagt, nein, er sagt nicht, er schreit, dass es alles Schwachsinn ist und ich nichts, nichts, nichts von dir zu erwarten habe, weil du niemals einlösen würdest, was du versprichst mit deinen langen, tiefen, sprachlosen Blicken.
Aber mein Kopf hat wenig zu sagen, wenn er mir zwischen die Beine rutscht.



Montag, 8. Oktober 2018
Fragen.
Dunkel, die Bar ist voll, die Leute reden laut durcheinander. Es ist der letzte Abend und irgendwann, so dass es sonst keiner bemerkt, streichen meine Finger an deinem Arm, deinen Oberschenkel, du sieht mich überrascht an und ich sehe regungslos zurück und mache weiter. Du bestellst mir und dir noch einen Tequila, sagst, du lädst mich ein.
Es ist alles unklar, und plötzlich frage ich mich, was ich eigentlich will, und warum ich das eigentlich mache. Ich weiß es nicht. Was will ich von dir?



Samstag, 6. Oktober 2018
Nähe.
Hat sich etwas verändert, gestern? Ich hatte dich gefragt, ob du noch mitkommst in die Bar, du setztest dich neben mich, und während wir uns mit den anderen unterhielten, ließ ich mein Knie das deinige berühren. Ich glaube, du dachtest erst, es wäre Zufall, weil es auch so eng war, aber dann redeten wir und lachten und ganz plötzlich sahst du erst mich verwundert an, schautest dann auf unsere Beine, die sich berührten, und mir dann wieder in die Augen und mir war so, als hättest du eben erst gemerkt, dass wir wirklich hier waren, nah, nebeneinander, ich in deinem Bann, du in meinem. Die wenigen Schritte bis zu deinem Hotel gingen wir eng nebeneinander, du lächeltest mich wissend an und ich wünschte dir mit einem vielsagenden Blick eine gute Nacht.



Freitag, 5. Oktober 2018
Abende.
Wieder bist du nicht mitgekommen. Die Runde sitzt und lacht, aber du bist wieder nicht da. Zuvor hattest du noch gesagt, du wolltest dich nicht aufdrängen und ich sagte, das sei Quatsch, und dass du wirktest, als wollest du dich absondern, und nun hast du dich wieder abgesondert, und das, nachdem ich nur in diese Bar ging, weil ich dachte, du würdest kommen.
Der Sportliche gegenüber erzählt von der Bergtour am Nachmittag, und ich, die versucht hatte, mit ihm mitzuhalten, sage zu ihm: Du hast mich echt fertiggemacht.
Da beugt sich der Alte, der die Runde seit Tagen mit seinen Frauengeschichten bei Laune hält, zu mir und flüstert mir zu: Dich würde ich auch mal gerne fertigmachen, aber nicht beim Bergsteigen.



Mittwoch, 3. Oktober 2018
Loop.
Kaum sind wir hier, bist du überall in meinem Kopf.
Schon der erste Blick, das Nahekommen, und es wirkt einfach nicht so, als seien Monate vergangen, seit wir uns das letzte Mal sahen. Aber es ist auch wie immer. Am Nachmittag flüsterst du mir zu: Wie schön, sind wir heute unter uns., als die anderen noch nicht zum Meeting gekommen waren, und du siehst mir tief in die Augen und dann in den Ausschnitt. Am Abend dann bist du launisch, flirtend und abweisend zugleich, und siehst eifersüchtig herüber, als irgendsoein Durchschnittstyp mich umgarnt.



Samstag, 29. September 2018
Warten.
Ich warte. Und warte. Ich warte darauf, dass die Unlust auf Drama und Lügen kleiner wird. Ich warte darauf, dass die Sehnsucht nach jemand anderem größer wird. Ich warte darauf, dass er endlich auszieht und ich alleine wohnen kann. Ich warte darauf, dass du mich ansprichst. Ich warte auf ein neues Leben. Eines, in dem ich es schaffe, Regeln aufzustellen. Zu sagen: Bis hierhin, Punkt, aus, Ende. Keine Diskussionen, kein Hundeblick, kein: Ich seh das ja alles ein und werde mich ändern., ohne jegliche Veränderung.



Donnerstag, 27. September 2018
Einsichten.
Jeder weitere Tag mit ihm macht mich krank. Seine manipulativen Spielchen, seine Art, die Dinge solange umzudrehen, bis er der Normale und die Welt gestört ist. Seine Rücksichtslosigkeit, mit der er mein Leben jeden Tag schwerer macht. Seine Unzuverlässigkeit in hundert von hundert Fällen.
Noch kranker macht mich allerdings, wie blind ich war. Dass ich an mir gezweifelt habe, daran, dass mein Gefühl richtig war. Dass ich nicht gemerkt habe, was wirklich los ist. Dass es mir bis heute schwer fällt, konsequent zu sein, sobald er seinen reumütigen Hundeblick aufsetzt.
Vorgestern war ich dann einmal konsequent. Ich sagte: Nein, das hat jetzt eben einfach Konsequenzen., und da rannte er raus, knallte mit der Tür und mir wurde erst da so richtig bewusst, dass er für mich als Mensch und Person noch nie etwas empfunden hat.
Ich war und bleibe Mittel zum Zweck.