Sonntag, 12. August 2018
Antinostalgie.
Seltsam mutet die zeitweilige Rückkehr in ein altes Leben an. Bei einem Aperol in einer Bar lauter Menschen von früher. Sie, die damals so cool und selbstbewußt waren, stehen nun da und haben nichts erreicht und erkennen mich, die Erfolgreich-Souveräne nun nicht mehr, über die sie damals nur lachten. Aber ich fühle weder Schadenfreude, noch das Gefühl ausgleichender Gerechtigkeit, nur die alte Enge und ein bisschen Mitleid für die Da- und irgendwie auch Zurückgebliebenen.



Donnerstag, 26. Juli 2018
Selbstmitleid.
Du solltest mal meinen Bruder kennenlernen., sagt die Blonde, die meinen neugewonnenen Singlestatus nicht erträgt. Der Bruder ist Fitnesstrainer und Motocrossfahrer. Sie zeigt mir Bilder von ihm und ich rufe entrüstet, warum in aller Welt sie ihn mir nicht schon vor ein paar Jahren vorgestellt hat. Inzwischen hat er eine Freundin, die auch Motocrossfahrerin ist. Die Blonde sagt: Muss dich doch nicht interessieren, ich kann ja mal was fallen lassen und so eifersüchtig wie sie ist, ist dann bestimmt Schluss - das wärs mir wert, dich in der Familie zu haben. Ich denke darüber nach und denke daran, dass ich schon vor Jahren beschlossen hatte, genug Partnerschaften zerstört zu haben, aber der Bruder der Blonden sieht einfach wahnsinnig gut aus, und ich denke, das könnte es mir wert sein.
Eine Weile, während die Blonde und ich Pläne schmieden, wie wir das Kennenlernen am effektivsten angehen, verfolge ich seinen Instagramaccount und sehe mir Bilder an von ihm und seinen Fahrten. Gestern dann postet er ein Bild mit einem Herz und verlinkt auf seine Freundin, sie stehen beide im Sonnenuntergang und ich, die gerade entschlossen hatte, ihn kennenzulernen, bekomme ein schlechtes Gewissen. Das alles kaputtmachen, um ihn zu "haben", obwohl ich ja eigentlich Single bleiben will, etwas Dauerhaftes also zu zerstören nur für einen Moment des Begehrtwerdens... Ich schließe das Fenster, klappe den Laptop zu und beschließe, der Blonden eine Absage zu schreiben, nicht ohne mir wahnsinnig selbst leidzutun.



Samstag, 14. Juli 2018
Wiederholungen.
Gestern beim Abendessen saßt du mir wieder gegenüber und nach dem ersten Glas Wein dann fingst du wieder an, mich auf diese bestimmte Weise anzublicken. Zuvor schon hattest du mir verschwörerisch zugezwinkert, als ich in einer Diskussion deinen Erzfeind deklassierte, wie als hätte ich das für dich getan.



Freitag, 13. Juli 2018
Wünsche.
All die Jahre habe ich die angebliche Benachteiligung der Frau für eine hysterische Übertreibung gehalten. Nun sitze ich auf dem Stuhl, vor mir der Arzt, neben mir die Schwester und sie ziehen mir das verrutschte Kupferstück heraus, das mir eigentlich dabei helfen sollte, mich ohne kinderreiche Folgen zu vergnügen. Das mit dem Vergnügen hat dank ihm leider nicht geklappt. Ich hatte noch zuviel Restgewissen, um fremdzugehen, während er lieber mit allen anderen Frauen dieser Welt als mit mir schlief.
Als ich da so schmerzzerfressen sitze, kippt das ganze Unheil der weiblichen Welt über mich und ich könnte schreien. Das ganze Leben als Frau ist, so scheint es mir in diesem zugegebenermaßen etwas unzurechenbaren Moment, ein einziger Kampf gegen die Natur. Man reißt sich die Haare am ganzen Körper aus; die, die man auf dem Kopf stehen lässt, glättet man (falls Locken) oder lockt man (falls glatt); der normale Rubens-Bauch wird verflacht, der Körper in Shapeware gepresst, um dem dickbäuchigen Mann mit schütterem Haar möglichst sexy entgegenzutreten, und dass diese Begegnung auch ohne Folgen bleibt, dafür nimmt man die jahrelange Einnahme von Hormonen oder das Einsetzen von Fremdkörpern in Kauf.
Neulich war ich auf einem Vortrag von einer sehr taffen, sehr blonden Wissenschaftlerin. Sie schloss diesen mit den Worten: Ich habe ja alles erreicht im Leben, nun bleibt mir nur das eine: Im nächsten Leben will ich dann bitte ein Mann werden.



Mittwoch, 11. Juli 2018
Ringe.
Der ICE füllt sich, und der Mann mit dem riesigen Koffer steht ein wenig verloren im Gang. Ich sage: Sie können den Koffer auch hier auf den Platz neben mich stellen, solange da noch niemand sitzt. Er stimmt dankbar zu, auch wenn er vordergründig beklagt, dass ich doch nun nicht mehr soviel Platz hätte, aber es ist eben nur vordergründig und eigentlich ist er froh darüber, seinen Koffer loszusein. Er setzt sich in die Reihe schräg vor mich, sodass ich zwischen den Sitzen auf seinen Laptop sehen kann. Er arbeitet an irgendeinem Vortrag über Chemie, formatiert dafür Formeln und Zitate. Mir fällt auf, dass ich bei dem Gespräch über den Koffer ihn gar nicht richtig angesehen habe und das bereue ich nun ein wenig. Zugleich denke ich darüber nach, dass ich irgendwie nie einen erfolgreichen Mann an meiner Seite hatte, kann ich ihn vielleicht nicht dulden? Aber da sehe ich schon, wie er tippt, den goldenen Ehering. Diese Eheringe! Es gibt nichts, was ich mehr hasse, als diesen blöden Ring an den blöden Fingern natürlich immer der attraktiven Männer. Jedesmal, wenn ich einen dieser Eheringe sehe, könnte ich irgendwas kaputttreten.
Als ich aussteige, bedankt er sich nochmals und strahlt mich an. Er hat etwas jungenhaftes, schelmisches. Warum heiratet so jemand.



Donnerstag, 28. Juni 2018
Schreiben und Veränderungen.
Eigentlich hatte ich wieder angefangen zu schreiben, um meine Selbstverständlichkeit wiederzufinden, die ich zu der Zeit, als ich früher täglich schrieb, immer hatte. Den einen Tag war ich mit dem Techniker im Café und dann bei mir, am Abend küsste mich ein Bundeswehrsoldat in einer Ecke des Clubs, am nächsten Morgen war ich frühstücken mit dem Maler und am Nachmittag traf ich den Schauspieler.
Das alles ist lange her, und das ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, dass ich danach ihn kennenlernte, den charmantesten Lügner, den man sich vorstellen kann. Und obwohl wir nun, nach all den Jahren, kein Paar mehr sind, hat er alles, hat er mich verändert. Ich kann es irgendwie nicht mehr. Wenn ich heute mit dem Techniker im Café wäre, würde ich seine immergleichen Geschichten und seine absurde Laberei nicht aushalten, denn natürlich ist seine Freundin gerade schwanger, während er sich mit mir amüsiert. Am Abend würde ich den Bundeswehrsoldaten vielleicht küssen, aber dann wäre ich so genervt von seinem anhänglichen Hundeblick, dass ich mich schnell aus dem Staub machen würde. Beim Frühstück mit dem Maler würde ich sein Selbstmitleid und die Eifersucht nicht mehr still mit einem Lächeln quittieren und am Nachmittag mit dem Schauspieler verzweifeln ob seiner Schwäche, mit seiner eigenen Schwäche umzugehen.
Man könnte sagen, ich sei anspruchsvoller geworden, aber das stimmt nicht. Ich bin nur müde geworden. Müde davon, Unsicherheit und Schüchternheit zu faken, weil die meisten Männer Angst bekommen, wenn sie spüren, dass eigentlich sie der schwache Part sind. Der Einzige, der immer mit mir auf Augenhöhe war, war er. Der charmante Lügner. Der die schönsten Liebesnachrichten an mich schrieb, wenn eine andere neben ihm lag.



Dienstag, 26. Juni 2018
Unabsichtlichkeiten.
Ich stehe in der Cafeteria in der Schlange, als ich merke, wie ein Mann im hinteren Teil des Raumes meinen Blick auffängt. Wir sehen uns an, und dann steht er auf, und stellt sich hinter mich, die Tasse in der Hand. Ich sage: Wollen Sie das nur abgeben, dann können Sie ruhig vorgehen., er sagt: Ich habe Zeit., lächelt und sieht mich tief an. Ich lächle auch, und er beugt sich zu mir und sagt: Und, was ist Ihre Profession., ich will gerade antworten, als die Mitarbeiterin der Cafeteria sagt: Wenn Sie nur abgeben wollen, dann bitte jetzt., und ich sage ironisch: Na, jetzt müssen Sie doch vorgehen., und mir scheint, er fasst das als einen Korb auf, nachdem er plötlich ganz miesepetrig dreinschaut, seine Tasse hinknallt, den Koffer nimmt und abrauscht und mich, gelinde gesagt, ziemlich verwirrt zurücklässt.



Freitag, 22. Juni 2018
Altersfragen.
Gegenüber im Zug sitzt ein junger Typ um die dreißig. Er ist schon unwirklich attraktiv, nicht so "schön" wie neulich einmal dieser französische Bratschist, sondern wirklich unwirklich attraktiv. Dreitagebart, ein männlich-markantes, aber trotzdem fein geschnittenes Gesicht, einen ausnehmend perfekten Körper nicht zu schlank, nicht zu dick, gut angezogen, und diese Lippen, ich kann meinen Blick gar nicht abwenden. Ich bin nun einmal oberflächlich.
Während ich ihn so ansehe und mir gar nichts dabei denke, weil ich ihn ja nur ansehen will, hebt er plötzlich den Blick, sieht mir in die Augen und lächelt mich an. Ich sehe weg und bin verwirrt. Und als ich mich frage, warum, fällt es mir auch ein. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist (es muss ewig sein, kann ich mich überhaupt daran erinnern), dass ich einem Mann näherkam, der so alt war wie ich und nicht wie immer zwanzig, dreißig Jahre älter. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, aber ich weiß auch gar nicht mehr, wie es war. Verdrängt, vergessen?



Dienstag, 19. Juni 2018
Angehen.
Sie. Sie. Immer wieder sie.
Es geht mich ja nichts an, eigentlich, eigentlich, seit ich ihm sagte, dass er alle Freiheiten hat.
Aber dass nun auf den Kassenzetteln in seinem Portemonnaie Restaurantrechnungen sind, wo er mit mir nie ins Restaurant ging, oder wenn, ich immer selbst bezahlt oder gar für ihn mitbezahlt habe, das macht mich genauso wahnsinnig, wie dass er plötzlich seine großzügige Seite entdeckt und dreimal Rotwein in einer Weinbar bestellt, wo er mit mir höchstens ein Wasser getrunken hätte, außer, ich hätte ihn eingeladen.
Eigentlich geht es mich ja nichts an. Ich habe ihm ja gesagt, dass er alle Freiheiten hat.
Und doch: Sie. Sie. Sie. Immer wieder sie.
Er ist viel öfter bei ihr, als er damals bei mir war, als ich die Dritte im Bunde war. Und das nun schon seit zwei Jahren. Als wir uns damals kennenlernten, ließ sein Feuer schon nach ein paar Monaten nach.
Es geht mich ja nichts an. Sage ich mir. Und irgendwie stimmt das auch. Ich weiß auch gar nicht, was mich daran so wahnsinnig macht, vielleicht ist es auch das, dass er sie trifft und ich mich doch noch immer nicht so richtig durchringen kann, jemanden zu treffen, vielleicht ist es das.



Sonntag, 17. Juni 2018
Verwirrungen.
Während ich mich gerade auf meinem Platz im Konzertsaal einrichte, bemerke ich den Blick eines Mannes mittleren Alters. Er ist anscheinend mit seinem Sohn gekommen, und als ich zurückblicke, sagt er zu diesem: Hol bitte noch ein Programmheft., der Sohn sagt: Hä, warum, eins reicht doch., und der Vater sagt eindringlich: Tu, was ich dir sage.
Irgendetwas stört mich an diesem Dialog, und deshalb will ich auf die erwartbare Situation auch nicht eingehen, denn natürlich, kaum, dass der Sohn gegangen ist, dreht sich der Vater zu mir, aber mir ist das irgendwie auch zu billig, immerhin bin ich im Alter des Sohnes und ein bisschen weniger erwartbar fände ich da durchaus angemessen, und so lasse ich ihn mich anstarren, vier, fünf, sechs, sieben Sekunden, dann gibt er frustriert auf. Er zieht sein Handy aus der Tasche und als Hintergrund, wie ich von meinem Platz hinter ihm mühelos sehen kann, er, seine Frau und die beiden Kinder. Ich bin nun wirklich kein Moralapostel und habe mich weder von Eheringen noch sonst etwas abhalten lassen, wenn ich einen Mann attraktiv fand, aber an manchen Tagen kotzt mich diese scheinheilige Heile-Familie-Doppelmoral wirklich an.
In der Pause will ich dementsprechend meine Unklarheit in Sekt ertränken und treffe auf den Souveränen. Nach all der Zeit sind wir immer noch beim "Sie", nur bin ich nicht in der Position, das zu ändern. Wir reden also ein bisschen über dies und das und plötzlich bemerke ich irritiert, dass er mit mir flirtet, was er bisher nie gemacht hat. Ich denke, ich muss mich irren, schließlich ist er immer sehr charmant und galant, aber nein, er lächelt eine Spur zu intensiv, sieht mir tief in die Augen und berührt mich bei jedem Scherz am Arm. Neulich, denke ich, neulich habe ich ihn noch händchenhaltend mit seiner Frau gesehen, nach all den Jahren strahlen beide immer noch eine gewisse Verliebtheit aus. Aber sie ist ja, im Gegensatz zu mir, auch nicht da.